Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

10 Schlüsselfragen zur Zukunftsforschung

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Ist Zukunftsforschung eine Wissenschaft?

„Die Welt ist ein reichhaltiges, vielgestaltiges, verwobenes Gefüge aus vielen Erklärungen und Erklärungsebenen, die integriert werden müssen, um zur Grundlage für effiziente Voraussagen und Handlungen zu werden.” – Sandra Mitchell

Wir sprechen eher von einer DISZIPLIN (oder, im Sloterdijk'schen Sinne von einer „Übung”). Wir nennen unser Vorhaben die INTEGRIERTE (oder „integrale”) PROGNOSTIK. Ziel ist es, folgende Teil-Wissenschaften mit einer ganzheitlichen Theorie des Wandels zu verbinden:

  • Die System- und Komplexitäts-Theorie
  • Die Spieltheorie
  • Die Kognitions- und Evolutions-Psychologie
  • Die Sozio-Ökonomik oder „Soziophysik”
  • Die Probabilistik / Wahrscheinlichkeits-Theorie
  • Die Evolutionstheorie (einschließlich Soziobiologie und Evolutionärer Psychologie)
  • Die Kulturtheorie / Ethnologie und in der Weiterentwicklung die „Memetik” (= Lehre von den „Infektionssystemen” der Kultur)

Die Zukunftsmaschine Mensch
Ist Zukunftsforschung eine Wissenschaft?
Future-Science – eine Trans-Disziplin


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Was unterscheidet Trendforschung von Zukunftsforschung?

„Wir leben mit dem Blick auf die Zukunft gerichtet – deshalb interessieren wir uns für Trends. Wir leben aber auch aus der Geschichte, unsere Herkunft steckt uns in den Knochen – deshalb interessieren wir uns für Gegentrends.” – Norbert Bolz

Es handelt sich um unterschiedliche Disziplinen, die auf einer höheren Ebene durchaus zusammengehören. Trendforschung bezieht sich auf den Wandel der Gegenwart, hier kann man mit journalistischen Methoden arbeiten, mit teilnehmender Beobachtung, Statistiken, Meinungsforschung, aber auch mit einem gut trainierten „Bauchgefühl”.

Zukunftsforschung ist eine tiefe Systemwissenschaft, in der es um die Bildung von komplexen Prozess-Modellen geht – auf Basis von Erkenntnissen über Trends, aber weit über sie hinausgehend.

Unterschiede zwischen Trend- und Zukunftsforschung


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Was sind Ihre Methoden?

„Der Unterschied zwischen Hellsehern, Wahrsagern und Prognostikern liegt in der Transparenz. Beim Wahrsager kümmert sich niemand darum, ob er aus Kaffeesatz oder Handlinien liest – man beurteilt ihn nach den Resultaten. Bei einer seriösen Prognose begeben sie sich in einen Dialog mit der Zukunft; deswegen müssen sie die Logik des Experten verstehen und nachvollziehen.” – Paul Saffo

Als Trendforscher muss man recherchieren, abwägen, sammeln, sortieren, clustern, vergleichen. Als Zukunftsforscher muss man sich mit Systemtheorie auskennen und Modelle bauen, die man ständig verbessert und mit der Veränderung der Wirklichkeit vergleicht.

Darüber hinaus stellt die integrierte Prognostik auch praktische Arbeits-Techniken zur Verfügung. In der Arbeit mit Kunden nutzt das ZUKUNFTSINSTITUT verschiedene Workshop-Varianten, die Innovation, Kreativität, Kommunikation und strategisches Denken im Sinne der Zukunft anregen sollen: Future Works


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Kann man die Zukunft überhaupt voraussagen?

„The real trouble with this world of ours is not that it is an unreasonable world, nor even that it is a reasonable one. The commonest kind of trouble is that it is NEARLY reasonable – but not quite.” – G.K. Chesterton

„Die Zukunft” als Ganzes und im Detail kann man natürlich nicht voraussagen, denn die Welt ist ein offenes, nicht-deterministisches System. Aber man kann „Scheinwerferkegel” in die Zukunft werfen. Hegel schrieb: „Der Zufall ist die Form, in der sich das Notwendige durchsetzt.”

So sind zum Beispiel bestimmte soziokulturelle Systeme durchaus über weite Strecken prognostizierbar, weil menschliches Verhalten mehr Konstanten aufweist, als man normalerweise glaubt. In anderen Bereichen kann man mit probabilistischen (Wahrscheinlichkeits-)Methoden arbeiten, zum Beispiel bei ökonomischen und politischen Fragestellungen.

Prognostische Systembildung


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Was sind die grössten Fehler der Zukunftsforschung?

„Good future forecasts are like detective work, based on three factors: means, motive and opportunity.” – Bruce Sterling

Viele Aussagen über die Zukunft neigen zur linearen Vereinfachung, zur Romantisierung, zum Plakativen und zum Apokalyptischen. Dahinter steht zumeist lineares, nicht-systemisches Denken, das „biased”, also von Wahrnehmungstäuschungen geprägt ist.

Seriöse Zukunftsforschung ist der Versuch, Systeme tatsächlich „kalt” zu analysieren und zu erfassen. Die neue Kognitions-Psychologie bietet uns dabei einige Handhabungen dafür, wie man die Wahrnehmungs-Verzerrungen vermeiden kann.

Future Bias - Prognostische Irrtümer


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Wie oft haben Sie sich geirrt?

„Nur eine Aussage der heutigen Zukunftsforscher ist zweifellos richtig: Die heutigen Zukunftsforscher werden in Zukunft sicher dümmlich wirken.” – Steven Pinker

Diese Frage kann ich nicht selbst beantworten, weil ich immer befangen sein muss. Aber zunächst einmal geht es in der Zukunftsforschung nicht darum, ungefragt Prognosen über alles Mögliche zu machen.

Zweitens müssen wir ERGEBNISPROGNOSEN von VERLAUFSPROGNOSEN unterscheiden. Sehr hilfreich sind hier die MEGATRENDS, die die großen Konstanten des Wandels abbilden.

Meine Arbeit in der Trendforschung lässt sich am besten mit den beiden TRENDBÜCHERN überprüfen, die 1993 und 1995 erschienen sind. Seitdem haben wir viele Modelle entwickelt, die teilweise sogar Detail-Voraussagen ermöglichen, wie etwa das TECHNOLUTION-Modell, das den Erfolg oder Misserfolg einzelner Technologien abschätzt.

Allerdings machen wir auch die Erfahrung, dass sich das Interesse dafür in Grenzen hält. Oft ist die Erwartung gegenüber der Prognostik von Interessen oder Vor-Urteilen geprägt, die nicht immer mit den Ergebnissen unserer Arbeit übereinstimmen...

Technolution
Trendbuch 1
Trendbuch 2


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Was unterscheidet Sie von anderen Zukunftsforschern?

„We don´t need other Worlds. We need Mirrors.” – Solaris

Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man nach neuen Landschaften sucht. Sondern dass man mit neuen Augen sieht.” – Marcel Proust

Ich sehe die ethischen und methodischen Grundlagen der integrierten Prognostik in folgenden Punkten:

  • Sie ist eine REFLEXIVE Disziplin. Gute Zukunfts-Arbeit besteht immer in einer produktiven Störung: sie stellt das Gewohnte und Angelernte in Frage.
  • Sie ist eine Meta-Disziplin, die das tiefe Interesse auch an philosophischen und wissenschaftstheoretischen Fragestellungen voraussetzt.
  • Sie darf sich durch bewusste oder unbewusste Interessen der Kunden, seien es Marketing- oder Macht- und Deutungs-Interessen, nicht korrumpieren lassen. Wir nennen dies auch das „delphische Ethos”.

Das „delphische” Ethos


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Müssen wir uns vor der Zukunft fürchten?

„Realistische Optimisten kaufen mit einer Tüte Grassamen gleichzeitig einen Rasenmäher.” – Unbekannter Autor

Angst ist eine anthropologische Konstante. Da die Zukunft immer zu einem gewissen Teil unsicher ist und da wir als Menschen verletzlich und sterblich sind, lautet die Antwort: Ja, wir müssen Angst haben, denn das ist unser inneres Wesen!

Die viel wichtigere Frage ist jedoch, ob wir uns von Angst blenden und bestimmen lassen müssen. Angst kann Gesellschaften in den Ruin führen, sie eignet sich zur Manipulation. Gelungene Zukunft entsteht immer durch Moderation der Angst. Eugene Delacroix hat einmal gesagt: „Das Geheimnis, mit dem ich meine Ängste bekämpfe, sind Ideen!”

Der Sinn von Katastrophen


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Woher beziehen Sie Ihren Optimismus?

„Ich bin Skeptiker, also kann ich kein Pessimist sein.” – Milan Kundera

Ich fühle mich weder als Optimist noch als Pessimist, sondern als Possibilist. Meine Erfahrung, aber auch der Umgang mit sehr vielen Daten und Fakten, sagt mir, dass viele negative Welt- und Zukunftsbilder auf falsche und verzerrte Wahrnehmungen und mediale Übertreibungen zurückgehen. Dazu kommen Projektionen eigener Ängste auf die Welt und bisweilen handfeste Interessen – mit negativen Schlagzeilen, mit „Alarmismus”, lässt sich eine Menge Geld verdienen.

Der Prognostiker darf nicht alles schönreden, aber er sollte auch dazu beizutragen, dass wir von den ständigen Angst- und Befürchtungsmustern zu Imaginations- und Kooperationsfragen kommen. Um es mit Carl Zuckmayer auszudrücken: „Die Welt ist nicht gut, aber sie kann immerhin besser werden!”


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Was sind die grössten Gefahren für die Menschheit?

„Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muss sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht.” – Carl Popper

„Am schönsten sind die Erinnerungen, die noch VOR einem liegen.” – Jeanne Moreau

Menschen und Zivilisationen scheitern weder an Rohstoffknappheiten noch an Krisen. Die meisten Krisen sind Veränderungs-Reize, die auf einen notwendigen Wandel hinweisen.

Zivilisationen scheitern nicht an Knappheiten oder Krisen, sondern an verselbstständigter Angst, die sich in Hysterie und Erstarrung verwandelt. Es sind letztendes die „mindsets”, die kollektiven Bilder, die unsere Zukunftsfähigkeit bestimmen. Die größte Gefahr ist, dass niemand mehr an die Zukunft glaubt.

Das Panik-Prinzip
Die Apokalypse des Spießers
Gelassenheit und Wahn