Matthias Horx  Trend- und Zukunftsforscher

Über Fehlprognosen, Internet und Social‑Media‑Debatten

Über Fehlprognosen, was ich wirklich zum Internet prognostiziert habe und warum ich grundsätzlich nicht an Social-Media-Debatten teilnehme

Die berühmteste Fehlprognose der Welt

Kennen Sie die berühmte Fehlprognose der Welt, ausgesprochen von Thomas J. Watson, dem IBM-Vorsitzenden im Jahr 1943?

„Es gibt einen Weltmarkt für 5 Computer…”?
Haha, da sieht man, wie man sich über die Zukunft irren kann...
Es lohnt sich, kurz in den Hintergrund einzutauchen. Bei Wikipedia, einer Plattform der wir hier vertrauen wollen, findet sich folgende Biographie:

Thomas John Watson, Sr. war ein US-amerikanischer Unternehmer und bis 1956 Vorstandsvorsitzender von IBM. Er entstammte einer sehr religiösen Familie schottischer Auswanderer, die in den 1840er Jahren in die USA einreisten. Sein ganzes Leben lang hatte Watson großes Interesse an internationalen Beziehungen. Er übernahm für IBM den Slogan „Weltfrieden durch Welthandel”, arbeitete intensiv mit der Welthandelskammer zusammen und wurde 1937 zu ihrem Präsidenten gewählt (allerdings sympathisierte er auch mit Hitler)...
Watson wird oft folgendes Zitat zugeschrieben: „Ich glaube, dass es auf der Welt einen Bedarf von vielleicht fünf Computern geben wird.” Er soll diesen Satz 1943 gesagt haben, es gibt jedoch keine Belege dafür. Ebenfalls ohne Beleg stand im Spiegel vom 26. Mai 1965: „IBM-Chef Thomas Watson hatte zunächst von neuen Geräten nichts wissen wollen. Als in den frühen fünfziger Jahren die ersten Rechenungetüme für kommerzielle Nutzung auftauchten, die mit ihren Tausenden von Röhren ganze Zimmerfluchten füllten und unerträgliche Hitze entwickelten, schätzte Watson den Bedarf der US-Wirtschaft auf höchstens fünf Stück.”

Was hat Watson wirklich gesagt? Wir wissen es nicht. War sein Satz, wenn er denn so gefallen wäre, überhaupt eine Prognose? Oder eine Marktfeststellung, etwa wie man heute behaupten könnte: „Das Elektroauto ist kein Markterfolg”? Hat Watson vielleicht gesagt, dass es für einen Computertyp, den die IBM entwickelte, das Modell XT200, nur fünf Kunden weltweit infrage kämen? Egal. Wir wissen es nicht, und es ist auch völlig egal. Aber warum aber freuen wir uns so diebisch (ich selbst bin da keine Ausnahme) über die Fehlprognosen anderer – während wir richtige Prognosen nie erwähnen?

Die Kognitionspsychologen sprechen vom Effekt des „Hindsight Bias”. Damit ist die menschliche Eigenheit gemeint, im Nachhinein alles besser gewusst haben zu wollen. Wie sagte der britische Philosoph und John Start Mill so schön?
„While every one well knows himself to be fallible, few think it necessary to take any precautions against their own fallibility.”

Komplexe Zukunftsforschung versucht, dem inneren Zukunfts-Blindheiten, den „Future Biases”, auf die Spur zu kommen. Wir nennen das reflexive Prognostik. Vor 17 Jahren, im Hype des Neuen Marktes, sah ich meine Aufgabe vor allem darin, die allzu wohlfeile Digital-Euphorie zu stören. Die Zukunft verläuft nicht linear und zu jedem Trend gehört ein Gegentrend. Dazu habe ich viele Interviews und Gespräche geführt, aus denen man nach Herzenslust einzelne Sätze herausreissen kann.

Meine wirklichen Thesen zum Internet

Im Herbst 1999 habe ich auf einem Vortrag auf einer Business-Konferenz gesagt:

„Das Internet wird kein Massenmedium. Erstens, weil es seinem Wesen nach keines ist – es ist ein Netzwerk-Medium, das nicht mehr nach dem Prinzip „Einer sendet, viele empfangen”, funktioniert. Zweitens wird es noch lange dauern, bis sich die SOZIALEN Regeln dieser neuen Technik ausmendeln.

Weiters in einem Text von 2010 (Thesen zum Internet):

Die „Prognose”, dass das Internet kein Massenmedium wird, bezog sich auf die STRUKTUR dieses Mediums. Das „one-to-many”, das Zeitung, Radio, Fernsehen geprägt hatte, fand hier eben NICHT mehr statt. Im Marketing der Jahrtausendwende herrschte das allgemeine Verständnis, man hätte es beim Internet mit einem neuen, gigantischen Vertriebskanal zu tun, den man nur entsprechend befüllen müsste.

Im Jahre 2010 habe ich tatsächlich gesagt, dass wir in einigen Jahren nicht mehr viel von Facebook hören werden.

Das war, in der Tat, eine Fehlprognose.
Anfang des Jahrzehnts wechselten die Plattformen noch schneller, und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das ganze Hassen und Greinen, das sich damals schon ankündigte, nicht zu einer heftigen Gegenbewegung führen würde. Ich wusste damals noch nicht genug vom Plattformkapitalismus. Ich ging davon aus, dass sich ein „besseres” Facebook entwickeln würde. Mit klareren, humaneren Kommunikations-regeln, einem deutlichen Ethos.

Ich war Opfer des „Wunsch-Bias”. Ich prognostizierte zu idealistisch.

Heute erst ist Facebook unter ernsthaften politischen Druck geraten, und seit ein, zwei Jahr gehen die Teilnehmerzahlen bei vielen Social-Media-Plattformen zurück. Weil viele Menschen den ganzen Eitelkeits-Stress und Häme-Sturm nicht mehr aushalten. Bizarrerweise tendiert „das Internet” jetzt sogar wieder in Richtung eines Massenmediums. Facebook und Twitter wurden im amerikanischen Wahlkampf wieder „one-to-many” eingesetzt – als manipulative, emotionalisierte Massen-Medien.

Warum ich grundsätzlich nicht an Social-Media-Debatten teilnehme

Ich bin, seit den 80-er Jahren ein „Digital Native”. Ich kaufte meinen ersten C 64 im Jahre 1986. Ich war/bin Apple-Jünger und Internet-Fan. Aber wie Sascha Lobo und viele andere Euphoriker des digitalen Zeitalters befällt mich seit vielen Jahren die Schwermut, wenn ich daran denke, was das Netz im Herzen menschlicher Kommunikationsweisen angerichtet hat.

Natürlich können auch im Netz bisweilen produktive Debatten stattfinden. Aber meine Erfahrung von Social Media-Debatten ist: Intensität entsteht nur, wenn es um Niedermachen geht. Häme, Arroganz, Oberflächlichkeit, Dampf ablassen, Mal-eben-irgendwas-Meinen...

Muss ich dabei sein? Nein, das Leben ist zu kurz.

Wahre menschliche Kommunikation benötigt ein bestimmtes setting. Deshalb laden wir unsere Zukunftsinstituts-Kunden lieber auf face-to-face-Tage ein, auf denen man sich spüren und berühren und gerne auch kritisieren kann. Etwa den jährlichen „Future Expert Day”, bei dem wir auch über Prognose-Irrtümer debattieren. Wir drucken unsere Studien auf Papier, veröffentlichen viele Inhalte im Netz (www.zukunftsinstitut.de). Wir versuchen digital-analoge Balance in der Praxis. Das ist für uns, für mich, das grosse Zukunftsthema: Digitalisierung wird nur dann unsere Zukunft formen, wenn wir sie im humanen Kontext begreifen und formen. Oder sie wird scheitern. Weil dann die gesamte Gesellschaft scheitert.