Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.05  Dritte Kultur und Integrativer Pluralismus

Die Wissenschaftstheoretikerin Sandra Mitchell vertritt in ihrem Buch „Komplexitäten – warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen” die These, dass die Wissenschaften sich heute an einem Scheideweg befinden, weil ihre innere Struktur die Komplexität der Welt nicht angemessen abbilden kann.

Unsere Welt ist in ständigem Wandel begriffen, und deshalb muss sich auch unser Wissen wandeln. Das vordergründige Verlangen nach einem statischen, allgemein­gültigen Wissensschatz, der keine Ausnahmen kennt, ist eine falsche Vorstellung... (S. 27)...

Der integrative Pluralismus beinhaltet die Vielfalt der Natur, die dynamische Stabilität und Instabilität der Kausalprozesse und eine nicht zu beseitigende tiefgreifende Unsicherheit.

Wenn man so tut als gäbe es das alles nicht, bestätigt man zwar eine vorgefasste Ordnung der Welt, aber man übersieht völlig, was wir genau vor Augen haben:
Ein in dynamischem Wandel begriffenes, kompliziertes, chaotisches und dennoch verständliches Universum.
(Sandra Mitchell, Komplexitäten - Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen)

Zukunftswissenschaft könnte so als eine Art Trainingslager für die Entwicklung komplexerer Systemmodelle verstanden werden. Eine solche „Wissenschaft des Wandels” erfüllt vor Allem eine Verknüpfungsfunktion. Als solche wird sie niemals die Anerkennung der klassischen Wissenschafts-Disziplinen bekommen. Sie könnte aber so etwas wie ein eigenständiger „produktiver hermeneutischer Stachel” sein, positiver ausgedrückt: Ein Erkenntnis-Katalysator für die Evolution des wissenschaftlichen Denkens selbst.

Damit hätte sie eine ähnliche Funktion inne wie die Philosophie gegenüber dem magischen Denken oder die naturwissenschaftliche Erkenntnis gegenüber dem kirchlichen Dogma: Eine produktive Ketzer-Funktion (siehe: „1.16 Das delphische Ethos”).

Die „Dritte Kultur” und das transdisziplinäre Prinzip

Seit vielen Jahren ist die Idee eines verstärkten Diskurses zwischen den wissenschaftlichen Sektoren und Denkweisen Anlass vielfacher Bemühungen. Dabei geht es einerseits um eine bessere Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen nach außen, in die Gesellschaft hinein – im Sinne von „lebendiger Erzählung”.

Andererseits um eine andere Wissenschaftskultur, in der die Denunziation neuer Erkenntnis-Modelle und Wissenschafts-Synthesen überwunden werden kann. Der Streit bzw. das Nichtverstehen zwischen Intellektuellen und Naturwissenschaftlern soll überwunden werden. Beispiele für das Gelingen dieses Versuches ist etwa die Plattform TED. John Brockman, der Erfinder und Apologet des Begriffes der „Dritten Kultur”, gleichzeitig ihr aktivster Agent, schreibt:

Die dritte Kultur wird von Menschen geprägt, die durch empirische Arbeiten in den Naturwissenschaften, aber auch in anderen Gebieten – wie Feminismus, Architektur, etc. – das Denken darüber verändern, wer und was wir sind.
Dies unterscheidet sich sehr von dem, was wir die zweite Kultur nennen, die dadurch charakterisiert ist, dass Menschen Gedankenpyramiden entwerfen, Meinungen verbreiten und Meinungen anderer ausspionieren.

In der ZEIT hieß es im Januar 2010 über die heutigen Diskurse der Wissenschaft:

Kokette Bekenntnisse, nichts von der Arbeit selbst des unmittelbaren wissenschaftlichen Nachbarn zu verstehen, nehmen überhand. Eine neue Einsamkeit macht sich breit. Dabei tun uns die Probleme dieser Welt, deren Lösung auch die Wissenschaften dienen sollten – als Beispiele seien Umwelt, Energie und Gesundheit genannt – schon lange nicht mehr den Gefallen, sich selbst fachlich oder disziplinär zu definieren.
Da ist selbst Interdisziplinarität, die vielgepriesene, zu wenig, die in der Regel nur Kooperation auf Zeit und mit halbem Herzen bedeutet. Transdisziplinarität, die ihre Probleme disziplinenunabhängig definiert und disziplinenübergreifend löst, tut not – in der Forschung und wohl auch in vielen Teilen der universitären Lehre.
(zeit.de/1998/06/Dritte_Kultur)

Im Raum der neuen System- und Prozess-Wissenschaften wirkt die Prognostik als ein transdisziplinäres Element. Sie ist eine kognitive Disziplin, die die Evolution des Wissens über den prozesshaften Charakter der Welt vorantreibt.

Ihre Zentralperspektive – die Zukunft – nutzt sie als reflexives Element, an dem sich die Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen neu ordnen und erzählbar machen lassen. Im (traditionellen) wissen­schaftlichen Raum bewegt sie sich wie Symbiont oder ein Virus, der die kognitiven Systeme der Wissenschaften „stört” – und im Sinne vernetzter Erkenntnis umprogrammiert. Im gesellschaftlichen Raum verhält sie sich wie ein Narrator, der neue Geschichten über die Welt, die Wirtschaft, die Liebe und die Kunst des Wandels erzählen möchte.

Schlüsselbücher:

  • John L. Casti, Searching for Certainty
    What Scientist Can Know about the Future, William Morrow, New York 1990
  • Ayres, Ian: Super Crunchers
    How Anything Can Be Predicted, London, John Murray, 2007
  • Orrell, David PhD: The Future of Everything
    The Science of Prediction, New York, Thunder's Mouth Press, 2007
  • Sandra Mitchell: Komplexitäten
    Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen, Edition Unseld, 2008

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