Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.07  Das 2. prognostische Paradox: Prognosen als Widerlegungen

Der französische Publizist und Zukunftsforscher Bertrand de Jouvenel formuliert dieses Paradox so:

„Wenn das besondere zukünftige Ereignis notwendig ist, kann es als solches auch vorausgesagt werden. Bedenken wir aber die Folgen. Stellen wir uns vor, Cassandra habe den Fall Trojas vorausgesagt und präzisiert, es werde durch die Einbringung eines hölzernen Pferdes in seine Mauern geschehen. In diesem Fall hätte das Pferd nicht hingelangen können, und die Voraussage wäre widerlegt, vorausgesetzt man hätte ihr Glauben geschenkt. Folglich würde aber das als notwendig bezeichnete Ereignis nicht eintreten, was einen logischen Widerspruch enthält.”
(Jouvenel, Bertrand de., Die Kunst der Vorausschau, S 67)

Dieses Phänomen wird besonders deutlich, wenn wir Prognosen als Kommunikations­Systeme begreifen (siehe: „1.08 Prognosen als Kommunikationen”). Jede Prognose erfolgt in einer bewussten oder unbewussten ABSICHT. Sie soll etwas bewegen, indem sie zunächst einmal ein Aufmerksamkeitsfeld erzeugt. Dieses führt dann zu folgenden Handlungs­optionen:

  • Widerlegung:
    Die self-denying prophecy besteht in einem Kommunikationsakt der Warnung mit der Intention der gegengerichteten Handlung.
  • Verstärkung:
    Die self fullfilling prophecy, besteht in der Aufforderung, sich dem Kontext-System eines Trends, einer Entwicklung, anzuschließen und in diesem Sinne zu handeln.
    Die menschliche Rasse hat von Anbeginn an Kinderspiele gespielt...
    Eines dieser Spiele heißt „Den Propheten Lügen strafen”. Die Mitspieler hören dabei sehr genau und ehrerbietig auf alles, was die gescheiten Männer sagen, was in der nächsten Generation geschehen soll. Die Mitspieler warten dann, bis die gescheiten Männer tot sind, begraben sie hübsch ordentlich. Dann gehen sie hin und tun das genaue Gegenteil.
    Gilbert H. Chesterton, 1905
    (zitiert nach Helmut Swoboda, Propheten und Prognosen, Droemersche Verlagsanstalt 1979)

Verkünden beispielsweise Trendscouts die große Zukunft japanischer, virtueller Haustiere, richten sich Importeure, Nachahmer und Konsumenten darauf ein, die Verfügbarkeit und Sichtbarkeit virtueller Haustiere nimmt zu, es entstehen Presseberichte, die Verkäufe nehmen zwangsläufig zu. So entsteht ein „memetisches Feld”, in dem die Kommunikation der Trend-Behauptung zum Trend selbst führt.
(Dievernich, Frank E.P.; Gößling, Tobias: Trends und Trendsurfen)

Oder ein wirtschaftlicher Aufschwung wird vorhergesagt, Geschäftsleute stellen sich darauf ein und führen ihn gerade dadurch herbei. Umgekehrt kann die Ankündigung einer bevorstehenden Wirtschaftskrise dazu führen, dass jeder nur noch das Nötigste kauft, Firmen Investitionen aufschieben und dieses Verhalten den Abschwung erst auslöst, gesteigert durch das Panikverhalten der Menschen, die nun ihre Sparkonten aus Angst plündern.
(Eschbach, Andreas, Das Buch von der Zukunft)

Werden dagegen aufgrund einer (zunächst richtigen) Vorhersage – z.B. über eine bevor­stehende Umweltkatastrophe – Gegenmaßnahmen getroffen, die diese Katastrophe abwenden und damit die Prognose widerlegen, so spricht man von einer sich selbst zerstörenden Vorhersage.
(Schulz, Marlene; Renn, Ortwin: Das Gruppendelphi)

Noch komplexer wird es, wenn wir in die Prognose selbst die „Future-Bias”-Effekte eintragen (siehe: „1.12 Future Bias – Prognostische Irrtümer”). Nun entsteht eine hyperkomplexe Schleife, die durch die Verzerrungen der Zukunftswahrnehmung und ihre Rückkopplung in Handlungen der Vermeidung oder Verstärkung ein sich aufschaukelndes System von Irrtümern erzeugt.

In der realen Welt bildet diese Schleife ein Eskalationssystem, das wir mit der Tendenz zur Zukunfts-Paranoia umschreiben können. Risiken werden falsch bewertet, übertrieben und mit überdimensionalem Aufwand bekämpft oder kompensatorisch „behandelt”. Hier handelt es sich um einen Effekt, der zur Zerstörung von Wahrnehmungs- und Handlungssystemen in ganzen Gesellschaften führen kann.

Für den Prognostiker entsteht eine unbewältigbare Komplexität.  Wie beim berühmten Zeitreise-Paradox müsste der Supervisor dieses Systems jede Rückkoppelung antizipieren und mit in sein Prognosesystem einbeziehen (und natürlich dann auch die Prognosen, die demnächst aufgrund der veränderten Bedingungen entstehen, und die wiederum den Verlauf der Geschichte beeinflussen werden, so dass neue Prognosen entstehen, die wiederum...).

Eine mögliche Konsequenz aus diesem Dilemma könnte lauten:

Wir können nur Prognosen über Systeme machen, in denen das menschliche Verhalten keine Rolle spielt!

Fragt sich nur: Welches System kann ohne Menschen (ohne Affekte, Emotionen, Interessen etc.) funktionieren – und dabei relevant für (relevante) prognostische Arbeit sein? Die Entwicklung der Kognitions- und Systemwissenschaften geben uns zwar einige Möglichkeiten in die Hand, diese Schleifenphänomene „herauszurechnen”. Prognostische Arbeit wird jedoch immer mit dem Vorbehalt leben müssen, dass ihre Echos stärker sind als der ursprüngliche Impuls, der durch die Prognose entsteht.

Eine weitere radikale Konsequenz des 2. Paradoxes könnte lauten:

Wir können nur valide Prognosen machen, wenn diese nicht veröffentlicht werden!

Diese Satz bildet das finale „Schrödinger-Paradox der prognostischen Arbeit”. „Objektive” Prognostik müsste in einem „gekrümmten Raum” stattfinden, in einer „Black Box”, durch deren Wände nichts nach außen dringt, was das Ergebnis verfälschen oder widerlegen könnte. Die Qualität einer Prognose könnte erst festgestellt werden, wenn sie nachträglich „ausgelesen” wird. Wobei sich sofort die (end-gültige) Frage stellt:

Wozu dienen Prognosen –
wenn nicht als Widerlegungs- oder Verstärkungs-Operatoren?

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