Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.10  Die Vergangenheit der Zukunft

In der menschlichen Geschichte existiert keine Kultur, die sich nicht mit der Zukunft auseinandersetzte. Denn anthropologisch ist die menschliche Kultur mit dem Zukunftsbegriff zutiefst verwoben, wobei die Zukunftsbilder stark variierten und erst in der Moderne ein allgemein-operativer Begriff von Zukunft entsteht.

Immer schon in der Geschichte gab es deshalb Vermittlungsinstitutionen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. In den tribalen Gesellschaften waren es die Schamanen, die Zukunft voraussahen und durch Visionen sichtbar machten. In den ersten Hochkulturen dann die Hohepriester, die sie sogar „produzierten” durch Einflussnahme auf die Mächtigen, durch gewaltige Beeinflussungsrituale.

Das Beispiel der Maya zeigt, wie solche „Zukunftshysterien” völlig aus dem Ruder laufen. Bis in die Antike herrschte jedoch in den allermeisten gesellschaftlichen Systemen ein zyklischer Zukunftsbegriff vor. Die meisten archaischen Kulturen sind durch Ahnenkulte geprägt, und die Ahnen sagen uns, dass alles ewig wiederkehrt. Die Deutung der Zukunft war also im Wesentlichen die Deutung von Wiederkehr – des Wetters, des Viehs, des Regens, des Unglücks, der Feier (ein starkes Motiv auch in allen Religionen, einschließlich des Christentums). Das Zeit-Kontinuum war nicht linear, sondern in Schleifen geordnet und allenfalls durch eschatologische Erwartungen relativiert.

In der Antike, mit Beginn vor etwa 2800 Jahren, entstehen in Griechenland die ersten komplexen Zukunfts-Institutionen – die unabhängigen Orakel. Orakel waren stadtferne, mit den jeweiligen Herrschern nur durch indirekte Bande verbundene Institutionen, die bestimmten Göttern geweiht, aber auch von diesen eine gewisse Autonomie hatten. Ihre Aufgabe war eine Vermittlung zwischen den von den Göttern repräsentierten Mächten und Prinzipien mit den weltlichen Institutionen und Angelegenheiten. Und in dieser Konfiguration, in dieser ersten Distanz zwischen den Systemen und den Prognosen, entsteht zum ersten Mal so etwas wie die Idee von Fortschritt.

Volle 500 Jahre, von etwa 600 bis 100 vor Christi blieb das Orakel von Delphi eine mächtige und florierende Institution, die weit über alle Meere einen guten Ruf ausstrahlte und als „Nabel der Welt” galt: Herrscher, Staatsmänner, Philosophen, aber auch einfache Bürger der hellenischen Staatstaaten suchten hier um Rat; und viele von ihnen kamen immer wieder. Sie unterwarfen sich dabei drastischen Ritualen – nicht nur mussten sie bei Opferungen zugegen sein, sie mussten auch bei Wasser und Wein teilweise tagelang in fensterlosen Kammern warten, bis das Orakel sich bequemte zu sprechen.

Aber diese Inszenierungen – die Pythia auf dem Stuhl, die unverständliche Worte hervorbringt – waren eben nur die „Benutzeroberfläche” als Teil des gesamten „Systems Delphi”. Dahinter stand ein Priester-Orden, der übrigens auch bisweilen von Frauen geführt werden konnte. Der Orden sammelte das Wissen seiner Zeit und verfügte über das damalig schnellste Kommunikationsmittel: Laufstarke junge Männer, die ständig zwischen den Städten und Reichen des hellenischen Archipels unterwegs waren.

Delphi war ein Think Tank, wahrscheinlich der erste der Welt. Eine Art Spionagezentrum obendrein, in dem Politik gemacht wurde. Der Aufstieg von Aristoteles  wurde etwa von Delphi vorausgesagt und politisch befördert. Die athenische Gerichtsbarkeit geht indirekt auf das Orakel zurück. Der Krieg gegen das persische Reich wurde von Delphi vorbereitet. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass der „Rat” an Krösus keineswegs nur ein „Trick” war. („Wenn Du den Halys überschreitest, wirst Du ein großes Reich zerstören”). Sondern dass er auf einer genauen Einschätzung des militärischen Kräfteverhältnisses zwischen Persern und den Soldaten des lydischen Reiches in West-Anatolien basierte. Das Orakel produzierte eine „wissende Spiegelung”, in der sich der Kunde entweder selbst sehen = erkennen konnte – oder eben nicht. (Gleichzeitig war das Orakel weise genug, um zu wissen, dass man bei manchen „Kunden” den Realitätshorizont nicht einfach verschieben kann, wenn diese unter einer Verzerrung leiden.)

In vielen Kulturen war die Zukunftsprognose jedoch Teil einer ständigen Selbstregulation und Selbst-Evaluation. Man kann sagen, dass „gelungene Zivilisation” nichts anderes ist als die SYNCHRONISIERUNG einer Zukunftsprognose mit dem morphischen Prozess der Gesellschaft selbst. Was bei den Maya radikal misslang, gelang in vielen anderen Kulturen, die im Wortsinn eine Vi-Sion, ein mentales Mapping jener Veränderungen, die für die jeweilige Gesellschaft relevant waren.

Das Mittelalter (800-1350)brachte zunächst den zyklischen Zeitbegriff zurück, in dem allein die religiöse Transzendenz den Platz der Zukunft einnahm. Zukunft blieb reiner Schicksalsraum.

Die Renaissance (1350-1750) brachte zum ersten Mal einen ansatzweise rationalen Zukunfts-Begriff hervor, der Wissenschaft und Kultur beeinflusste. Leonardo da Vincis Zeichnungen offenbaren bis heute ihren utopischen Charakter. Das Zeitalter der Wissenschaften begann und mit ihm entwickelte sich die Grundidee des Fortschritts. Utopische Sonnenstaaten hatten damals in den Vorstellungsräumen Konjunktur, Zukunft wurde ein Möglichkeitsraum.

Die Aufklärung (1750-1900)„erfand” schließlich die Zukunft als Raum der definitiven Möglichkeiten. In den revolutionären Umbrüchen Europas nach und um die Französische Revolution wurde sie gewissermaßen zur Parole. Zukunft wurde nun von einem Möglichkeitsraum  zum Gestaltungsraum.

In der Moderne geriet der Zukunftsbegriff zunächst in den Mittelpunkt des Denkens überhaupt. Die Perspektive wurde gewissermaßen an den Horizont verlagert und die Zukunft radikal liearisiert. Die industrielle Revolution brachte zwischen 1870 und 1970 beschleunigten technologischen Fortschritt, der die Zukunft zu einer Art unaufhaltbaren Dampfmaschine werden ließ.

Im letzten halben Jahrhundert hat sich der Zukunftsbegriff aufgespalten und immer neue Varianten hervorgebracht. Nach dem Krieg herrschte in Europa eher ein existentieller Zukunfts-Pessimismus, der bald in die Zukunfts-Euphorie des Wirtschaftswunders überging. Die technischen und sozialen Durchbrüche der 60-er Jahre begründeten dann den Hyperfuturismus, der sein jähes Ende zwar in der Ölkrise und der Rezession der 70-er Jahre fand, heute aber immer noch Renaissancen erlebt. Im breiteren Diskurs herrschten jedoch von nun an die „Paradigmen der Begrenzung”: Umwelt- und Friedensbewegung dominierten von nun an den Zukunftsdiskurs mit eher apokalyptischen Zukunftsbildern.

Heute kann man unterschiedliche kulturelle Prägungen des Zukunftsbegriffs in den einzelnen Kulturen deutlicher unterscheiden: In Europa herrscht eine generelle Zukunfts-Skepsis, die in Zukunfts-Feindlichkeit überzugehen droht. In den USA befindet sich der idealistische Futurismus, der die amerikanische Gesellschaft zutiefst geprägt hat, in starken Turbulenzen. Und im fernen Osten entwickelt sich heute ein ähnlich linearer Zukunfts­Begriff wie bei uns in den 60-er Jahren: Technikglaube und linearer Fortschrittsbegriff. Die japanische wie die chinesische Gesellschaft bringt heute neue Mixturen zwischen traditionellen Gesellschaftsformen und linearer Technikbeschleunigung hervor, deren Integration noch abzuwarten ist.

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