Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.13  Zukunfts-Psychologie

Die „Zukunft” ist ein psychologisches Konstrukt, das auf vielfältige Weise mit unseren inneren Erwartungshorizonten, unserer PSYCHOLOGIE verbunden ist. Sie ist Produkt von PROJEKTIONEN und BEFÜRCHTUNGEN einerseits, von Informations-Filtern andererseits. Wir sprechen auch von ZUKUNFTS-FRAMES – Rahmenvorstellungen, in denen die Zukunft „gefangen” ist.

Auch die Vergangenheit ist das Produkt einer selektiven Wahrnehmung, die bestimmte Ereignisse und Interpretationen zu SINN-KONTEXTEN verbindet. Dabei verändert sich die Interpretation entlang von Zeitschienen, kulturellen Kontexten, politischen und subjektiven Macht-Behauptungen. (War die Unterdrückung und Tötung der Armenier in der Türkei ein „Völkermord”? Die Vergangenheit sollte „bekannt” sein, sie ist aber ein verspäteter Kampfplatz von Machtinterpretationen).

Schon Augustinus wusste über die Subjektivität des Zeitbegriffes. In seinen „Bekenntnissen” schreibt er:

„Eigentlich kann man nicht sagen, es gibt die drei Zeiten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Genau würde man sagen müssen: Es gibt  drei Zeiten: eine Gegenwart in Hinsicht auf die Gegenwart, eine Gegenwart in Hinsicht auf die Vergangenheit, und eine Gegenwart in Hinsicht auf die Zukunft”
(Zitiert nach Flechtheim, Futurologie, S.24)

Die Psychologen Philip Zimbardo und John Boyd haben die Wirkungen von Gegenwarts- und Zukunftsbildern auf die individuelle Psyche erforscht:

„Bei unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass die Zeitperspektive eine fundamentale Rolle im Leben der Menschen spielt. Der Mensch neigt dazu, eine bestimmte Zeitperspektive zu entwickeln und dann zu oft einzusetzen – zum Beispiel eine Orientierung auf die Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit.” (S.21)

Zur Diagnose von Zeitperspektiven und Zeit-Psychologien haben Zimbardo/Boyd einen ausführlichen Test entwickelt, den Zimbardo Time Perspective Inventory (ZTPI): psychology.stanford.edu.

Nach diesem Test kann die Zeit-Einstellung jedes Individuums nach folgenden Kriterien „geclustert” werden:

  • negative Vergangenheitseinstellung
  • positive Vergangenheitseinstellung
  • fatalistische Gegenwart
  • hedonistische Gegenwart
  • gestaltbare Zukunft
  • transzendentale Zukunft

Menschen mit negativer Vergangenheitseinstellung tragen oft depressive Charakterzüge, während eine positive Einstellung zur Vergangenheit Lernprozesse auch in Krisen betont und dem „Gewordenen” via Akzeptanz und Veränderungsbereitschaft das Positive abgewinnt. Die reine Gegenwart kann entweder hedonistisch („Ich will im hier und jetzt genießen, was danach kommt, interessiert mich nicht!”) oder passiv/fatalistisch („Man kann ja doch nichts tun, ich bin Opfer der Verhältnisse”) wahrgenommen werden.

Zukunftsorientierte Menschen sind in der Lage, momentane Bedürfnisse zugunsten strategischer Pläne zurückzustellen. Transzendentale Zukunft findet vor allem im Kontext von religiösen Bindungen Raum (Glaube an Schicksal, Leben nach dem Tod, Erlösung etc.,).

Zibardos/Boyds Untersuchungen weisen nach, wie unterschiedliche Zeitkonzepte zu unterschiedlichen Resultaten in Lebensplanung/ Lebensführung/ Gesundheit etc. führen. Zukunftsorientierte Menschen sind beruflich erfolgreicher, gesünder und vorsorgender. Primär gegenwartsorientierte Menschen sind hilfsbereiter, aber leben ungesünder, weil sie beim Handeln weniger an die Zukunft denken. Zukunftsorientierte Menschen sind weniger hilfsbereit, aber kreativer. (S. 22).

Aus Zimbardos/ Boyds Untersuchungen könnte sich eine weiter gefasste Theorie der „Zukunftspsychologie” auch auf gesellschaftlicher Ebene ergeben. Zukunftsorientierte Gesellschaften haben andere Wirkweisen, Werte und Weltbilder als Vergangenheits- oder Gegenwartsorientierte. Jede Kultur hat einen bestimmten „mentalen Zukunftsbegriff”, der ihre inneren Rekursionen (Lernprozesse, Reflexionen, Diskurse) steuert.

„Die Zukunft wird, wie die Vergangenheit auch, nie direkt erlebt. Sie ist ein psychischer konstruierter Geisteszustand. Aufgebaut auf unseren Hoffnungen, Ängsten, Erwartungen und Wünschen ist die Zukunft das notwendige Gerüst für Erfolg in Schule, Geschäftsleben, Kunst, Liebe...” (S. 165)

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