Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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1.15  Die Archetypen der Zukunft

Wenn wir Prognosen als gesellschaftliche Kommunikationen im Sinne der Bildung eines kollektiven Immunsystems begreifen, können wir eine Archetypik des Prognostischen entwickeln. Rekapitulieren wird dafür zunächst noch einmal die „Angebotsintentionen” eines prognostischen Aktes:

  • Erretten
    Die Intention der Warnung und Verhinderung.
  • Machtbehauptung
    Im Rahmen eines religiösen oder gesellschaftlichen Systems wird eine Aussage über die Zukunft im Sinne einer Kontrollbehauptung getroffen.
  • Straf-Intention
    „(Ihr seid schuldig, weil...)
  • Markt-Intention
    Kauf oder Erwerb bestimmter Dinge, Änderung des Marktverhaltens, Anpassung von Managementsystemen an höhere Effektivität).


Bei den REZIPIENTEN prognostischer Akte lassen sich folgende primären Nachfrage-Motive ausmachen:

  • Die Nachfrage nach Verhaltenssicherheit und Verhaltensanleitung.
  • Die Nachfrage nach Weltordnung, Orientierung und Sinn.
  • Die Nachfrage nach Schuldzuweisung.
  • Die Nachfrage nach Sensation und „Future Thrill”.

In den Schnittstellen dieser Nachfragen und Angebote erscheinen nun folgende Archetypen:

Der Zukunftsbürokrat:
Zukunft als Zahlenspiel

In vielen Sektoren von Wirtschaft und Politik haben sich „Kontrolleure” herausgebildet, die sich ununter­brochen mit der Diagnostik und Prognose von Teilsystemen und Teilergebnissen beschäftigen. Das Spektrum reicht von den Wirtschafts­wissenschaftlern bis zu den strategischen Beratern, von den Politikern bis zu den Bürokraten der Krankenkassen. In ihrer Arbeit geht es sehr stark um die Suggestion von Berechenbarkeit und Fortschreibung.

Zukunfts-Bürokraten üben eine nützliche Orientierungs-Funktion aus, ihre Modelle müssen nicht zwangs­läufig linear und unterkomplex aus­fallen, sie bieten uns ein wichtiges Fundament für das klassische Forecasting ökonomischer und politischer Modelle.

Der Doomsayer:
Zukunft als Drohgebärde

Der Verkünder der Apokalypse ist eine uralte Figur, die im Kontext von Religion und Machtbewahrung eine lange Tradition hat. Traditionell arbeitet diese Figur mit Angst-Beschwörungen.

Im Kontext einer Kultur der Massenmedien stehen ihm enorme Kommunikations-Ressourcen zur Verfügung. Seine Aussagen werden schon deshalb gehört, weil sie über eine hohe narrative Reizstärke verfügen. Ein großer Teil der massen¬medialen Produktionen setzt sich heute mit worst-case-Szenarien auseinander, was schon darauf hinweist, dass mit dieser Warnungs- und Drohungs-Kommunikation ein gewaltiger „Markt der Aufmerk-samkeit” verbunden ist.

Apokalyptiker arbeiten mit den archaischen Urängsten der Menschheit, die sie in modernen, technizistischen oder ökologischen Kontexten neu beleben und dabei nicht selten mystisch-metaphorisch aufladen. Doomsayer haben einen weiteren semantischen Platzvorteil: Sie können niemals unrecht haben. Immer dann, wenn das, was sie prophezeien, nicht eintritt, haben sie im Grunde noch mehr Autorität gewonnen.
Es lag eben daran, dass sie so gut gewarnt haben!

So entsteht jenes alarmistische perpetuum mobile, das schon lange unseren (medialen) Zukunftsdiskurs dominiert. Von der Klimakatastrophe über das Waldsterben bis zur finalen Schweinegrippe...

„Im übrigen hat jedwede Prognostik eine narrensichere Rückzugslinie, falls sie nicht gerade auf das unabwendbare Fatum eingeschworen ist. Diese Rückzugslinie ist der Warncharakter der Weissagung: So und so wird es kommen, wenn nicht entsprechende Abwehrmaßnahmen getroffen werden.”
(Helmut Swoboda, Propheten und Prognosen, S. 47)

Der Erlösungsvisionär:
Zukunft als technologisch-transzendente Verheißung

Auch heute noch treffen wir immer wieder auf jene „Propheten des beschleunigten Fortschritts”, die uns die Zukunft als Produkt technologischer Überwindungen und Sensationen konstruieren. Ray Kurzweil zum Beispiel prophezeit uns „die Singularität” für die kommenden Jahre schon seit einigen Jahrzehnten.
(Ray Kurzweil, The Singularity is Near, When Humans Transcend Biology)

Grundlage ist hier die Idee der Akzeleration, verbunden mit einer (maskulinen) Kontroll-Vision:
Wir können alles lösen!

Obwohl dieser Typus / Gestus ein wenig aus der Mode geraten ist, liegt doch in der Idee der technischen Steigerung ein unabweisbares Faszinosum. Versprochen wird uns hier nichts anderes als die totale Umwälzung aller Lebensumstände durch technologische Methoden, oft auch verbunden mit De-Humanisierungsvorstellungen. Ihren (relativen) Erfolg beziehen die Erlösungsvisionäre aus ihrem Kontroll-Versprechen: Sie sind Meister der Furcht-Vermeidung.



Die Marketing-Gauklerin:
Zukunft als gesteigerte Nachfrage

Die globale Konsumgesellschaft und der Aufstieg des Marketing zur gesell­schaftlich-kommunikativen Leitbranche hat einen weiteren Typus von Prognostikern hervorgebracht.

Hier wird Zukunft vor allem als eine Veränderung der Konsumnachfrage verstanden, der man mit einer bestimmten Aussage auf die Sprünge helfen möchte.

Wenn „etwas im Trend liegt”, ist dies, nach außen kommuniziert, nichts anderes als eine Kauf-Aufforderung, die auf das opportunistische Kunden-System zielt (Berechtigungs-/ Bestätigungseffekt).



Der Futureteller:
Zukunft als reflexive Geschichtenerzählung

Schließlich gibt es noch einen Typus, der sich der kognitiv-reflexiven Ebene der Zukunftsbetrachtung verschrieben hat (siehe 1.16 Das Delphische Ethos).

Er ist bemüht, eine NARRATIVE Ebene zu entwickeln, in der Zukunft erscheinen und aufscheinen kann, aber nicht deterministisch erscheint.

Dazu nutzt er als „mentales Instrument” den Spiegel – Prognose als Spiegelung der Gegenwart in die Zukunft, Prognostik als geistiger Spiegelungs-Prozess der eigenen Intentionen und Möglichkeiten im Kontext des Wandels der Welt.


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