Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

Ich freue mich über Kommentare, Ergänzungen, Kritik, Anregungen und Literaturhinweise:
>>> Kommentar verfassen

HAUPTKAPITEL (zum Aufklappen auf ein Kapitel klicken):

<< voriges Kapitel (1.15) Übersicht nächstes Kapitel (1.17) >>

1.16  Das Delphische Ethos

If you make people think they're thinking, they´ll love you.
But if you really make them think, they´ll hate you.

Don Marquis

Trend- und Zukunftsforschung, zusammengefasst als prognostische Disziplin, unterliegt – wie wir gesehen haben – einer Vielzahl von Projektionen von außen, die ihre Aufgaben und Ergebnisse verzerren und verfälschen. Sie ist zudem vielen inneren Anfechtungen ausgesetzt, die sie leicht korrumpieren können.

80 bis 90 Prozent aller öffentlichen prognostischen Aussagen sind in der einen oder anderen Art „gekauft”: Entweder durch „Bias” der Prognostiker oder durch direkt auf das Ergebnis einwirkende kommerzielle und lobbyistische Interessen (siehe „1.12 Future Bias” und „1-08 Prognosen als Kommunikationen”).


gnothi seauton meden agan


Wie kann sich die prognostische Disziplin trotzdem als sinnvolle Erkenntnisweise positionieren und ihre inneren Motive offenlegen und definieren? Diese Frage lässt sich am Ende nur auf der Grundlage eines ethischen Diskurses beantworten.

Gnothi seauton – Erkenne Dich selbst! – so stand es über dem Tor des Orakels von Delphi, vor zweieinhalbtausend Jahren.

Der zweite Wahlspruch des Orakels lautete: Meden agan – Nichts im Exzess.

Das Orakel von Delphi war weit mehr als eine religiöse Verkünder-Institution. Es war ein ThinkTank, betrieben von einer weltlich-religiösen Priesterkaste, die das politische, soziale, ökonomische Wissen der klassischen Epoche sammelte und über fast 1.000 Jahre systematisierte und für die Umwelt fruchtbar machte.

Die Orakel verfügten über das schnellste Informations- und Kommunikationsmittel der antiken Zeit; schnelle junge Läufer, die zwischen den Staatstaaten hin- und herpendelten.

Die einflussreichsten Personen im Zentrum des Orakels waren nicht selten einflussreiche Staatsmänner und Politiker (zum Beispiel Perikles, der die Institution für sein Ziel der hellenistischen Vereinigung betrieb).

(Wood, Michael: The Road to Delphi, The Life and Afterlife of Oracles)
(Hugh Bowden: Classical Athens and the Delphic Oracle, Divination and democracy)
(Dempsey, Thomas: The Delphic Oracle. Its early history, influence and fall)
(Joseph Fontenrose: The Delphic Oracle. Its responses and operations.
University of California Press, Berkeley, Calif. 1978)
(Myron Stagman, 100 Prophezeiungen vom Orakel in Delphi, Prophetischer Rat vom Gott Apollo, City State Press, Frankfurt, 2000)

Die „Kunden”, Bürger oder Staatsmänner, oft in tagelangen Reisen ermüdet, mussten manchmal tagelang in Kammern warten, um ihre Frage an das Orakel zu stellen.
(Eine genaue Beschreibung der Delphi-Rituale siehe auch: Orrell, The Future of Everything, S. 19f)

Doch die Pythia, die Frau, die auf einem Dreistuhl in einem abgedunkelten Raum saß und unverständliche Worte murmelte, war nur eine Art Trick, eine inszenierte Show, mit dessen Hilfe sich die Ratsuchenden in einen kathartischen Prozess begeben sollten.

Pyhtia

Das Orakel (die Pythia) sprach, anders als in vielen historischen Werken vermutet, relativ oft direkt zu den Fragenden. Der delphische Prozess ist also ein genuin hermeneutischer Kommunikations-Prozess.

Es geht um die Auslegung der Welt, um die Reflexivität des Prozesses, der beim Frage-Antwort-Spiel entsteht.

Analysiert man bekannte Beispiele des Delphi'schen Ratsspruchs, stehen vor allem folgende Aspekte des Ratschlags im Vordergrund:

  • Regeleinhaltung: Das Orakel beharrt auf dem Einhalten von zivilen / politischen Gerechtigkeits-Regeln, wenn die Ratsuchenden versuchen, unmäßige oder optimierende Pläne abzusichern.
  • Anregung zur Kooperation: Das Orakel schlägt Win-Win-Strategien vor, statt dem Konflikt das Wort zu reden.
  • Kathartischer Humor: Die berühmten „missverstandenen Rätsel” – wie der Hinweis an Krösus, er werde ein großes Reich zerstören – lassen sich auch als Einsatz von dialektischem Humor zur Erkenntnisgewinnung lesen (der bei Krösus leider scheiterte).
  • Komplexere Betrachtensweise: Das Orakel versucht, seinen Kunden eine komplexere und ganzheitlichere Betrachtungsweise zu vermitteln.

In diesen kommunikativen Operationen liegt die eigentliche Kernaufgabe der prognostischen Disziplin: Die Steigerung der Komplexität der Wahrnehmung und der Systeme.

Erkenne Dich selbst: In der ersten Botschaft versteckt sich der selbstreflexive Anspruch des Orakels. Die Instanz antwortete auf die Frage des Kunden mit einer Allegorie, einer Vision, oder einer subtilen Gegenfrage.

Nichts im Exzess: Das Zweite Motto repräsentiert den grundsätzlichen analytischen Ansatz von Delphi: Die meisten Fehler, Katastrophen, Fehlfunktionen geschehen in der Übertreibung. Die alten Philosophen kannten den Linearitäts-Fehler (die Tendenz, vorhandene Entwicklungen (Trends) gradlinig zu verlängern). Mäßigung stellte eine zentrale antike Tugend dar.

Irritative und opportunistische Prognostik

Rekapitulieren wir noch einmal die Funktionalität der Prognose:

Die Widerlegungsprognose zielt auf das Erringen von Aufmerksamkeit, auf Warnung und Alarm.

Die Bestätigungsprognose zielt auf die Absicherung eines Theorems. Mit einer Aussage wird eine bestimmte Annahme, ein Darstellungsinteresse, eine ökonomische oder mentale Funktion, befriedigt.

Die eigentliche Daseinsberechtigung der prognostischen Disziplin – ihre ethische Grundbestimmung – liegt JENSEITS dieser rekursiven Funktionen:
In der produktiven Irritation des rezipierenden Systems.

Zukunftsarbeit kann nur dann gelingen, wenn sie in ihrem Kern eine Provokation und eine produktive Spiegelung birgt. Sie ist dann produktiv, wenn sie eine Störung des linearen Wahrnehmungsmusters des Betrachters leistet – eine Erschütterung vorgefertigter Erwartungsmuster.

Wenn sie hingegen „opportunistisch” verläuft, geht ihre Potenz verloren.

Eine zeitgemäße Übersetzung des Delphi´schen Ethos könnte lauten:

Wir können die Zukunft nicht in allen Details voraussehen, aber wir können unsere Organisationen, Denkweisen und Systeme evolutionstauglicher, adaptiver und intelligenter gestalten.

Oder, als Qualitäts-Eigen-Anspruch ausgedrückt:

Gute Prognosen sind qualitative STÖRUNGEN eines Rezeptions-System, das in diesem eine Tendenz zu höherer Komplexitätsbewältigung auslöst.

Die drei I

Prognostik dient in ihrem „heissen Kern” den „drei I`s”:

  • Inspiration:
    Zukunftsarbeit muss einen „beseelenden” Aspekt haben, indem sie Ideen, Sichtweisen, und Dynamiken anbietet, die einen neuen, ungewöhnlichen Blick auf die Welt erlauben.
  • Irritation:
    Zukunftsarbeit soll und muss den „Mindset” des Kunden auf intelligente Weite hinter­fragen und herausfordern.
  • Integration:
    Schließlich sollen Erkenntnisse und Systeme in das Unternehmen / das Weltbild / das Handlungssystem des Rezipienten inkorporiert werden. Dazu diesen Innovationsprozesse sowie Instrumente verbesserter Frühwarnung (Monitoring, Prozessbeobachtung, virtuelle Innovation etc.). Es geht um das Verstehen dessen, was in der Gegenwart „zur Zukunft führt”, und in der Zukunft „auf das Gegenwärtige zurückweist.”

„Jede Zukunft ist das selbstkritische Bild einer Gegenwart. Und in jeder Gegenwart konstituiert sich die Zukunft neu. So können wir die Prognosen als SELBSTBEOBACHTUNGEN der Gesellschaft verstehen, durch die sie sich selbst verändert.”

„Moderne Gesellschaften sind dadurch charakterisiert, dass sie eine „metapreference in favour of challenging the prevailing preferences” haben.”

„Moderne Gesellschaften evaluieren sich selbst und entwickeln dabei die Metapräferenz, andere Präferenzen haben zu wollen. Sie evaluieren durch Selbstkritik.”

(Norbert Bolz, Blindflug mit Zuschauer)


>>> Text als PDF herunterladen

<< voriges Kapitel (1.15) Übersicht nächstes Kapitel (1.17) >>

 


© 2014 Matthias Horx / Zukunftsinstitut Horx GmbH, Theorie der Trend- und Zukunftsforschung