Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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2.04  Zukunftsforschung

Die heutige Zukunftsforschung geht auf die Gründung zahlreicher Zukunftsinstitute in den 1960er Jahren zurück. Sie hatten oftmals institutionellen Charakter, wie etwa in den USA, wo große Zukunfts-Think-Tanks wie die Rand Corporation vom Staat massiv gefördert wurden.

Berühmt (aber auch berüchtigt) wurde das Genre durch Stanley Kubricks berühmten Film „Dr. Seltsam”, in dem ein ausgeflippter Futurologe durch einen Denkfehler den Dritten Weltkrieg auslöst.

Heute unterhalten viele große Unternehmen eigene Prognostik- und Zukunfts-Abteilungen, in denen mal systematisch, mal spontan Trend-Erkennung und Zukunftsplanung betrieben wird. Aufgabe der klassischen Zukunftsforschung ist es, Orientierungs- und Entscheidungshilfen für Management, Politik, Verwaltung, Wissenschaft oder Militär bereitzustellen, wobei sich das Umfeld zunehmend auf wirtschaftliche Organisationen ausgedehnt hat. Sie bezieht sich auf Elemente seriöser Trendforschung, ist aber mit ihr nicht identisch.
(Otto, Regina: Industriedesign und qualitative Trendforschung, S 92)

Zunächst ist es wichtig, im Rahmen von Zukunftsforschungs-Prozessen den Zeitrahmen abzustecken. Die kurzfristige Zukunft hat einen Zeitrahmen von 5 Jahren. Von einer mittelfristigen Zukunft spricht man von in 5 Jahren bis in 20 Jahren, von langfristigen Zukünften bei einem Zeitraum von in 20 Jahren bis unbeschränkt in die Zukunft.

Langfristige Szenarien werden heute vor allem in Branchen angefordert, die einen sehr intensiven, langfristigen Investitionsbedarf aufweisen, z.B. die Ölindustrie, aber auch Versicherer und Rück-Versicherer. Diese Unternehmen geben viele Millionen für die Erstellung von Szenarien aus.

Zukunftsforschung befindet sich in einem Nachfrage-Umfeld, das die Art und Weise bestimmt, wie und unter welchen Paradigmen geforscht wird. Methoden und Zielvorstellungen hängen nicht zuletzt von soziokulturellen Nachfrage-Faktoren ab, die als „Zukunfts-Zeitgeist” auch die großen Organisationen durchdringen.

Der Naivität der 50er Jahre und 60er Jahre folgten die Öko-Apokalypse-Visionen der 70er, das „No-Future” der 80er. Die 90er Jahre und die Jahrtausendwende standen im Zeichen des Pragmatismus und der Ökonomie-Forschung, die teilweise das gesamte Feld der Prognostik absorbierte – die Wirtschaftsforschungs-Institute erlangten mit ihrer Fixierung auf rein ökonomische Steigerungs-Prozesse eine dominante Deutungsmacht.
(Hurton, Andrea: Tausend Tage bis zur Zukunft - Moden und Trends am Vorabend der Jahrtausendwende, S 234)

Das zeigt auch, dass Menschen wie Organisationen ihre Zukunft jeweils aus der Perspektive bestimmter Zeit-Prägungen und kollektiver Mentalitäten sehen. Im Mittelalter stellte man sich die Zukunft als eine Art Mittelalter im vergrößerten Rahmen vor, genau wie die Zukunftsforschung der 60er Jahre die Zukunft häufig als technisierte Welt mit ständig beschleunigtem Fortschritt sehen (siehe „2.12 Future Bias - Prognostische Irrtümer”).

In den letzten Jahren entwickeln sich die Techniken der Zukunftsforschung durch verbesserte Systembildung und bessere Daten-Fundierung ständig weiter. Dieser Fortschritt von Systemen und Methoden wurde allerdings von einer sensations-suchenden Öffentlichkeit einerseits, einem um seine Pfründe und Deutungsmacht fürchtenden traditionellen Wissenschaftsapparat andererseits, weitgehend ignoriert bzw. denunziert.

In den Medien wird Prognostik allenfalls in ihren „sensationslüsternen Spitzen” wahrgenommen (und damit in ihren falschen Verkürzungen). In der (offiziellen) Wissenschaft bleibt umstritten, ob die Prognostik ein eigenständiger Wissenschaftszweig sein darf und kann.

Schlüssel-Literatur:


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© 2014 Matthias Horx / Zukunftsinstitut Horx GmbH, Theorie der Trend- und Zukunftsforschung