Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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2.13  Sozio-Panel

Ein Monitoring-Tool für sozialen Wandel

Schlüsselwerk: Andreas Steinle, Lebensstile 2020, Zukunftsinstitut, 2007
(www.zukunftsinstitut.de/verlag/studien_detail.php?nr=58)

Wie verändern sich Gesellschaften in ihrem Inneren? Wie entstehen neue Schichten, Lebensweisen, „Lifestyles”? Zur Beantwortung dieser Frage hat die Soziologie eine Vielzahl von Modellen entwickelt. Ihr Mangel besteht jedoch zumeist in folgenden „handicaps”:

  • Die Modelle sind wenig plastisch/ narrativ, stattdessen sehr abstrakt. Sie neigen zur „Zwangstypologisierung”. Menschen werden, damit ihr Verhalten „berechenbarer” wird, in unterkomplexe Rastermodelle aufgeteilt.
  • Der Trend zur Individualisierung lässt sich mit solchen Modellen nicht abbilden.
  • Die Modelle lassen nur ungenügend die Aktualisierung von Daten und Entwicklungen im Zeitverlauf zu.

Das klassische Typologisierungs-Modell, wie es gerne im Marketing verwendet wird, sind die SINUS-Milieus. Diese gehen von einem Klassen- und Schichten-Modell aus, das für die spät-traditionale Gesellschaft gültig war.

Im Zerfall der Milieus und der Individualisierung von Werte- und Verhaltensmodellen wird das Modell jedoch viel zu statisch. Es hat wenig mit den Lebensrealitäten der Menschen zu tun.

Die Schichten-Grenzen und Abgrenzungen werden zunehmend brüchig. Bildungs- und Erfolgskarrieren entkoppeln sich; der Siegeszug der „Kreativen Klasse” erzeugt tiefgreifende Turbulenzen im Schichten-Gefüge.

Für eine moderne, prognostisch orientierte Sozialforschung benötigen wir ein integratives Modell, das mit „lebendigen” Systemen in zweierlei Hinsicht arbeitet. Einerseits gilt es, die Lebensrealitäten der Menschen realistisch und plakativ darzustellen – basierend auf Empirik, aber erzählend (narrativ), also am besten in Typologien.

Andererseits sollte das System laufend neue Daten einspeisen können, um realistische Trendlinien abbilden zu können.

Wir nennen die Disziplin, die sich aus diesen Herausforderungen bildet, die narrative Lebensstil-Forschung.

Ihr Aufbau sieht wie folgt aus:

  1. Grundlage des SozioPanels ist die Integrierte Trend- und Zukunftsforschung, die das Zukunftsinstitut seit nunmehr über zehn Jahren praktiziert und durch zahlreiche methodische Ansätze erweitert hat. Hier findet die Hypothesenbildung im Prozess der Narrativen Lebensstilforschung statt.
  2. Eine erste Quantifizierung der in Schritt 1 ermittelten Lebensstilgruppen erfolgt durch eine qualitative Interpretation der vorliegenden demographischen und statistischen Kennzahlen. So fließt hier etwa eine Analyse der Veränderung von Haushaltsformen auf Basis von Mikrozensus und Volkszählungsdaten ein.
  3. Im dritten Prozessschritt werden die analysierten und dokumentierten Trendbewegungen extrapoliert, d.h. mittelfristig prognostiziert. Ganz entscheidend dabei ist die visuelle Umsetzung der Extrapolation. Zur Einordnung der unterschiedlichen Lebensstilgruppen nutzen wir die Bevölkerungspyramide. Diese zeigt für jedes Land verlässlich die Gesamtzahl aller Altersschichten. Veränderungen in Lebensstilgruppen lassen sich so auch rückwirkend über längere Zeiträume messen.

Die veränderte Lebens-Biographie

Ausgangspunkt des Soziopanels ist die Annahme eines veränderten Biographiemodells im Übergang von der klassischen Industrie-Gesellschaft zu einer individualisierten Plural-Ökonomie. Lebensweisen und Arbeitsformen, Familienstrukturen und Wertesysteme wandeln sich entlang der vielfach beschriebenen Megatrends:

  • Individualisierung
  • Feminisierung
  • Alterung / „Downaging”
  • New Work / Neue Arbeitsformen

Entscheidend ist das Entstehen eines neuen Biographie-Modells. Das alte (industrielle) Biographie-Modell fußte auf einer klar strukturierten Dreigliedrigkeit – siehe Abbildung.

Die durchschnittliche Lebenserwartung Europas lag vor 100 Jahren bei 43 Jahren, in den 60er Jahren bei rund 65 Jahren; sie wird im Lauf des 21. Jahrhunderts auf über 90 Jahre steigen.

In allen Ländern der Erde, mit Ausnahme einiger GUS-Länder und der Bürgerkriegsgebiete Afrikas, erweitert sich die menschliche Lebensspanne im statistischen Durchschnitt um 6 bis 7 Wochen pro Jahr!

Das bedeutet, dass ein heute geborenes japanisches oder schwedisches Mädchen im Schnitt 95 Jahre alt werden wird (Männer 3-4 Jahre weniger).

Dieser Prozess führt aber nicht, wie das in den Medien zumeist dargestellt wird, zu einer „Vergreisung” der Gesellschaft. Es entwickeln sich vielmehr neue Lebensmuster, die eher eine VERJÜNGUNG („Downaging”) des Verhaltens, der Wertesysteme und der inneren Einstellung bedeuten.

Die Muster verschieben sich entlang einer erweiterten Biographie, in der neue Lebens-Abschnitte entstehen. Dabei entsteht ein Zwang zur Lebensgestaltung, der von vielen Menschen als stresshaft empfunden wird, obwohl er Gestaltungs-Optionen möglich macht. Wir müssen (und können) unser Leben viel bewusster gestalten als jemals zuvor.

Postadoleszenz

Zwischen Jugend und den „Ernst des Lebens” (Berufstätigkeit und Familienphase) schiebt sich eine Experimentierphase, in der man reist, sich selbst verwirklicht und beruflich und in Sachen Bildung mehrfach umorientiert. Erlernt wird auch die „serielle Monogamie” als Beziehungskonzept der modernen Gesellschaft – Treue zum Partner, aber „hintereinander”.

„Rush Hour”

Jener Lebensabschnitt, in dem der Konflikt zwischen Beruf und Familie besonders verstärkt ist. Wir wollen nun GLEICHZEITIG Karriere machen, aber auch Männer möchten sich zunehmend intensiver um ihre Kinder kümmern. Damit diesen Bedürfnissen Raum gegeben werden kann, benötigen wir neue gesellschaftliche Modelle unter dem Stichwort „Work-Life-Balance” – durch andere Arbeitsformen und eine zeitliche Entzerrung der Biographie (die Kinder früher oder später bekommen) kann der Druck aus dieser Phase genommen werden.

„Selfness-Phase”

In einem Alter zwischen 50 und 60 kommt es zu einer Phase der Neuorientierung und Re-Positionierung. Diese neue Phase ist ein Geschenk der Alterung an uns alle, eine Gabe der kulturellen Evolution, die uns ermöglicht, ein Leben mit anderen Horizonten und Chancen zu leben, und uns als Persönlichkeiten im Rahmen einer normalen Biographie zu „vollenden”.

Weisheitskultur

Wir können (und müssen) dem verlängerten Leben eine andere Perspektive geben. „Weisheit” wäre der sinnvolle Zentral-Wert für eine Langlebigkeitskultur, in der wir unsere Persönlichkeiten auf ganz neue Weise entwickeln und reifen lassen können – bis ins hohe Alter hinein.


Zu diesem Biographie-Modell gehören auch andere soziale Muster – etwa das zunehmende Ergänzen von verwandtschaftlichen zu Freunde-Familien, eine andere Musterbildung im Beruf (mit zyklischen Bildungsphasen). Alles in Allem entsteht eine multiperspektivische Biographie.


Die Kultur der Lebenslagen

Wenn Marketing oder Management in der Vergangenheit versuchten, ihre Kunden zu analysieren, blieb das klassische Instrument die ZIELGRUPPENANALYSE. Alt und jung, ländlich oder städtisch, arm und reich, männlich/weiblich – die Gesellschaft wurde in Gruppen –geclustert”, die für das Marketing „handhabbar” erschienen. In der modernen Individualgesellschaft WECHSELN Menschen jedoch zwischen solchen Milieus schnell hin und her – und lösen sie dadurch auf. Mit den Lebensstilen ändert sich das Kaufverhalten – es wird paradox und eklektizistisch. Es entsteht analog zu den jeweiligen Knappheiten und Problemen eine „Kultur der Lebenslagen”. Auf diese Weise entwickeln sich „Pionier Gruppen”, die sich als SOZIOKULTURELLE AVANTGARDEN herausbilden. Ihr Lebensstil beeinflusst zunehmend auch die Mehrheiten.

Hier 10 prototypische Lebensstil-Gruppen:

  • Die COMMUNI-TEENS – Die jungen, durch die elektronischen Medien geprägten Bevölkerungsgruppen, deren Lebensprinzip im SOCIAL NETWORKING besteht.
  • Die IN-BETWEENS – die „Postadoleszenten”, die zwischen 20 und 30 einen Zustand „flexibler Unsicherheit” kultivieren.
  • Die YOUNG GLOBALISTS – Die jungen Karrieristen, die ihren kulturellen Radius globalisiert und ihren Lebensstil hochgradig mobilisiert haben.
  • Die LATTE-MACCHIATO-FAMILIEN – die neuen Familien in den urbanen Ballungsgebieten, die ihre Rollen und Lebensstile nicht mehr traditionell gestalten – urbane Hedonisten mit Kids.
  • Die SUPER-DADDYS – die neuen Väter, die ihr Leben nicht mehr um die Karriere, sondern um die elterlichen Rollen zentrieren.
  • Die VIBs – die Spätkinderkrieger, Familien, die ihre Kinder erst in der dritten Lebensphase bekommen und dann ihre Lebens- und Arbeitswelt um die Kinder herum zentrieren.
  • Die TIGER LADIES – die neuen nach Selbständigkeit strebenden Frauen um die 50.
  • Die SILVERPRENEURE – die auch nach dem „Rentenbeginn” weiterarbeiten, sich gesellschaftlich, politisch und beruflich engagieren.
  • Die GREYHOPPER – die freizeit-orientierten Alten mit hoher Konsum- und Reisepräferenz, die bald die „alternden 68er” sein werden.
  • Die SUPER GRANNYS – die erziehungs-aktiven Großeltern, die sich intensiv um ihre Enkel kümmern und dadurch jung und aktiv bleiben.

Diese Gruppen stellen nicht die MEHRHEIT der Bevölkerung, sondern ihre „Trend-Avantgarde” dar. In ihnen spiegeln sich soziokulturelle Reaktionsmuster/ evolutionäre Verhaltens-Adaptionen an neue Bedingungen.

Menschen reagieren mittels neuer Sozio-Techniken auf veränderte Umweltbedingungen. Auf diese Weise entsteht ein „soziodynamisches Modell” des sozialen Wandels.


Weitere Literatur:


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© 2014 Matthias Horx / Zukunftsinstitut Horx GmbH, Theorie der Trend- und Zukunftsforschung