Matthias Horx  Theorie der Trend- und Zukunftsforschung

Theorie der integrierten Prognostik

Interessieren Sie sich für Hintergründe, Philosophien und
vertiefte Methodik-Probleme der prognostischen
Wissenschaften?

Diese Texte sind im Rahmen meines Prognostik-Seminars
an der Zeppelin-Universität entstanden.
Sie sind "work in progress" und werden ständig
ergänzt und weitergeschrieben.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansätze der Integrierten Prognostik finden Sie hier:
Integrierte Systemische Prognostik.

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2.17  Tipping Points

A trend is a trend is a trend
But the question is – will it bend?
Will it alter its course
through some unforeseen force
and come to a premature end?
Alexander Cairncross

„Tipping Points” sind jene Punkte, an denen Prozesse (Trends) entweder brechen oder sich beschleunigen. Erstmals angewendet wurde der Begriff im Jahre 1957 von Morton Grodzins bei einer Untersuchung zur Rassentrennung.

Der Spieltheoretiker Thomas Schelling nutzte ihn ebenfalls für jene kaskadenhaften Prozesse des „Umkippens”.  Derzeit wird dieser Begriff häufig im Zusammenhang mit Klimamodellen verwendet. Die Tipping-Point-Theorie hat heute mehrere Ansatzpunkte, um solche Prozesse der beschleunigten Varianz vorherzusagen.

Der Essayist Malcolm Gladwell macht drei Indikatoren/Parameter für einen bevorstehenden Tipping Point aus:

  • Das Auftauchen neuer Deutungs-Eliten („Law o the Few”),
  • Das „Stickyness”-Prinzip: Wenn schlüssige, im Gedächtnis haftende „Erzählungen” (Narrationen) auftauchen,
  • „The Power of Context” – das Setzen neuer Rahmen für das menschliche Verhalten.

Der Grazer System-Psychologe Thomas Brudermann entwickelte in seiner Studie „Massenpsychologie” einen epidemiologisch-spieltheoretischen Ansatz zur Analyse von Tipping Points.  Er machte mit den Mitteln der Computersimulation bestimmte Reizschwellen ausfindig, in (an) denen sich simulierte Meinungen, Übereinkünfte, Zustände plötzlich rapide „vermehren”. In diesen Simulationen spielte der Wert 38 eine zentrale Rolle: wenn 38 Prozent einer Bevölkerung/ einer Gruppe für ein bestimmtes Thema „empfänglich” sind, beschleunigt sich die Verbreitungsrate um ein Vielfaches. Dieser Befund lässt sich mit vielen empirischen Befunden korrelieren, etwa mit dem spontanen Rückgang der Raucherquote in den westlichen Ländern, der Einführung der Frauenquote und der Durchsetzung von Eherechten für Homosexuelle.

Schlüsselliteratur

  • Thomas Brudermann: Massenpsychologie Psychologische Ansteckung, kollektive Dynamiken, Simulationsmodelle, Springer Vienna, 2010
  • Malcolm Gladwell: The Tipping Point How Little Things Can Make a Big Difference; Little, Brown & Company

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